Krise in der Portraitfotografie (Teil 2)
Die von mir in der letzten Infomail skizzierte Krise in der Portrait- und Hochzeitsfotografie, die viele Portraitfotografen betrifft, hat zu einer Vielzahl von Reaktionen geführt.
Viele Fotografinnen und Fotografen haben mir eine Email geschickt, um mir ihre Sicht der Dinge mitzuteilen und Gründe des Umsatz- und Kundenrückgangs aus ihrer Sicht zu beschreiben.
In den meisten Emails gab es eine Bestätigung zu der teilweise sehr schwierigen Situation, in der sich viele Studios befinden. Es gab aber auch Emails, die diesen Bericht als „Schwarzmalerei“ abtaten, und einige Fotografinnen und Fotografen waren sehr deprimiert aufgrund der Fakten und Zahlen.
Verantwortlich gemacht für die schlechte Geschäftssituation in den letzten Jahren wurde in erster Linie, die vor einigen Jahren durchgeführte Reform des Handwerks, mit der "Freigabe" des Fotografenberufs. Viele sehen darin die Wurzel allen Übels, da sich dadurch die Anzahl von Fotografen, die sich ohne Meisterbrief selbstständig gemacht haben, stark vermehrt hat. Hierzu sei vermerkt, dass vor kurzem die Regierung Österreichs beschlossen hat, die strengen Regularien der dortigen Handwerksordnung zu lockern und in bestimmten Bereichen der Berufsfotografie die Selbstständigkeit auch ohne Meisterbrief zu erlauben.
Viele Fotografen in Deutschland wünschen sich eine reglementierte Zulassung zum Beruf des Fotografen. Das heißt, die Wiedereinführung von Prüfungen, die einen Qualitätsnachweis bedeuten sollen und erst dann einem Fotografen erlauben, die Selbstständigkeit auszuüben. Lächeln muss ich allerdings manchmal über Kollegen, die dies fordern und von denen ich weiß, dass sie selbst in früheren Jahren niemals einen solchen „Befähigungsnachweis“ (Meisterbrief) abgelegt haben.
Sieht man das Ganze einmal wertneutral und betrachtet (die Älteren werden das können) die Situation auch während der Zeit der früheren Handwerksordnung mit der Pflicht einen Meisterbrief zu machen, so muss man feststellen, dass dies auch niemals eine gute Lösung war. Letztendlich auch aus der Tatsache heraus, dass in der Berufsfotografie sehr schlecht ausgebildet wurde, die gezeigte Qualität sehr niedrig war und ein tatsächlicher Wettbewerb in einem freien Markt kaum noch stattfand, wurden und werden im Zuge der Liberalisierung des Arbeitsmarktes solche Beeinträchtigungen zur Erlangung der Selbstständigkeit abgebaut.
Gegen diesen Strom wird niemand mehr zurückschwimmen können. Man sollte auch bedenken, dass die Politik nicht an solchen Reglementierungen interessiert ist und selbst die Handwerkskammern dies nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Niemals zuvor hatten Handwerkskammern in Deutschland so viele Mitglieder, die sich als Fotograf über die Gewerbezulassung bei der entsprechenden Kammer eintragen müssen. Niemals zuvor haben die Handwerkskammern bei den Fotografen so viel Beiträge kassiert, wie es zum jetzigen Zeitpunkt der Fall ist. Niemand sollte ernsthaft glauben, dass eine Handwerkskammer daran interessiert ist, dies wieder zu ändern.
Künstler sind keine Portraitfotografen
Aber, wenn immer mehr Menschen in unseren Beruf strömen, sollte dies zu den gleichen Voraussetzungen der Fall sein. Eine Gewerbeanmeldung, die für alle die gleichen rechtlichen und auch steuerlichen Grundlagen bildet, muss verpflichtend sein. Nicht zu akzeptieren sind in diesem Zusammenhang die Vielzahl an so genannten freiberuflichen Fotografen (freier Fotograf), die keinen Gewerbeschein ausfüllen, sondern von ihrem Finanzamt als Freiberufler/Künstler anerkannt werden. Solche „Künstler-Kollegen“ brauchen unter anderem keine Gewerbesteuer und Kammerabgaben zu bezahlen, was eine klare Benachteiligung der Gewerbefotografen ist.
Wer eine freiberufliche Anerkennung erhält, so sagt es das Gesetz, "muss eine besondere berufliche Qualifikation oder schöpferische Begabung in einer künstlerischen Tätigkeit nachweisen, die eine höhere Bildung (z. B. eine akademische Ausbildung) verlangt". Eine solche Zulassung sollte ausschließlich nach Prüfung durch entsprechende Hochschulen erfolgen und nicht durch irgend einen Finanzbeamten. Hier muss der Staat dringend(!) und schnell gesetzlich eingreifen.
Und generell trifft dies auch auf Portrait- und Hochzeitsfotografen nicht zu! Diese sind eindeutig der Handwerksfotografie zuzuordnen (ob man das nun mag oder nicht). Selbst die Künstlersozialkasse -KSK- definiert die Portrait- und Hochzeitsfotografie für Endverbraucher als nicht künstlerisch!
Das heißt im Umkehrschluss: Nur Fotografen mit einer Gewerbeanmeldung dürfen eine kommerzielle Portrait- und Hochzeitsfotografie für Endverbraucher anbieten - Künstler/Freiberufler dürfen dies nicht(!) und verstoßen, falls sie es doch tun, gegen das Wettbewerbsrecht und sind in diesem Moment von einem Finanzamt als Gewerbefotografen anzusehen und entsprechend zu versteuern.
Nebengewerbe / Nebenerwerbstätigkeit
Bei diesen Begriffen stellen sich bei vielen Fotografen die Nackenhaare steil nach oben auf. Der Gesetzgeber hat hier die Möglichkeit geschaffen, dass jeder sein Hobby Fotografie zur "Teilerwerbstätigkeit" machen kann - ganz legal. Also: der Metzger oder die Floristin können, auch ohne jegliche Fachkenntnis oder ernsthaftes Interesse, eben nur mal so Bewerbungsbilder und Hochzeiten fotografieren, wenn sie dies als Nebengewerbe offiziell anmelden.
Diese Regelung ist in vielen Fällen das eigenliche Problem. Denn, wer ein Vollgewerbe anmeldet und damit ausschließlich seinen Lebensunterhalt verdienen will, wird dies mit einer völlig anderen Einstellung tun, als jemand, der auf den Erlös aus dem Nebenerwerb kaum oder gar nicht angewiesen ist.
"Fotografen", die den Beruf als Nebengewerbe deklarieren, zeigen häufig eine schlechtere Qualität und verkaufen oft zu exrem niedrigen Preisen. Die gesetzliche Möglichkeit der Nebenerwerbstätigkeit, so hat sich gezeigt, schadet der Berufsfotografie ungemein.
Und wenn wir jetzt gerade einmal aufräumen ... dann auch richtig! ... DIE FOTOHÄNDLER ...
Fotogeschäfte sind bei der IHK gelistet, können aber Portrait- und Hochzeitsfotografie als Dienstleistung anbieten, wenn sie dies bei der entprechenden Handwerkskammer anmelden. Meiner Meinung nach, sind ca. 25 % dieser Fotohändler auch gute Portraitfotografen mit guter Qualität und guten, vernünftigen Preisen. Der Rest aber ... ist, und das bereits seit Jahren, für den Preisverfall in der deutschen Portraitfotografie mitverantwortlich. Warum? - Wegen eines völlig untauglichen "Händlermarketings" und nahezu amateurhafter Vorstellungen über die Professionalität eines Portraitstudios.
"BILLIG BILLIG ... BERWERBUNGSFOTOS IM ANGEBOT ... FÜR NUR 9,95 €" ... so oder änlich kann man es immer wieder in Schaufenstern und auf Internetseiten von Fotohändlern lesen. Der Schaden, der dort häufig angerichtet wird, ist für die professionellen Portraitstudios katastrophal. Schlimm dabei ist auch, dass die Händlerorganisationen, wie z. B. Ringfoto, trotz ewiger, anderweitiger Beteuerungen, es nicht schaffen, das Preisdumping ihrer Mitglieder in den Griff zu bekommen.
Das allergrößte Problem aber ist meines Erachtens die Schwarzarbeit in unserem Beruf.
Schwarzarbeit ist illegal - vernichtet Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen - ruiniert ganze Berufsstände!
Schwarzarbeiter sind Betrüger - sie betrügen den Staat, ihre Kunden, ihre Nachbarn, selbst ihre Freunde ... sie betrügen und schaden uns allen!
Schwarzarbeit liegt dann vor, wenn eine selbstständige oder unselbstständige Tätigkeit unter Umgehung gesetzlicher Anmelde-, Anzeige- und Abgabepflichten ausgeübt wird!
Schätzt man einmal, dass etwa 300 bis 350 Mio. EUR jährlich in der Berufsfotografie umgesetzt werden, so darf man getrost vermuten, dass die gleiche Summe alljährlich noch einmal durch Schwarzarbeit erwirtschaftet wird und somit der Berufsfotografie verloren geht. Ich frage mich dann, warum von Schwarzarbeit betroffene Berufsfotografen sich nicht dagegen wehren und was Gesetzgeber, Kammern und Verbände hiergegen tun.
Wenn ein Fotograf in meiner Umgebung kein Gewerbe angemeldet hat, aber im Internet für die Dienstleistung eines Fotografen wirbt, um diesen Beruf kommerziell zu betreiben, genügt eine Anzeige beim Gewerbeaufsichtsamt und/oder beim Finanzamt, um diesem ein Ende, dem "Kollegen" zumindest aber große Schwierigkeiten zu bereiten.
Schwarzarbeit ist die größte Geißel der Berufsfotografie und muss meiner Meinung nach auch mit entsprechend drastischen Maßnahmen bekämpft werden. Hierzu bedarf es der Solidarität aller Berufsfotografen, aller Gruppen und Verbände und entsprechender Aktivitäten der Kammern und des Gesetzgebers.
Es muss aufhören, dass auf Internetplattformen, wie z. B. fotocommunity, MyHammer usw. sich massenhaft Schwarzarbeiter ungestört tummeln, sich dort präsentieren und auch noch in mancherlei Form unterstützend beraten werden. Überhaupt nicht verstehen kann ich, dass auf solchen Internetportalen aber dann auch noch Berufsfotografen zu finden sind, die dort ihre Bilder zeigen/Angebote machen.
Wenn es eine Lösung für all diese Probleme geben soll, dann liegt diese letztendlich auch in den Händen der Berufsfotografen selbst.
Es muss, auch für die Öffentlichkeit sichtbar, zu einer klaren Abgrenzung zwischen professionellen, qualitativ gut arbeitenden und seriösen Berufsfotografen auf der einen Seite und Semiprofis, Möchtegern-Fotografen, Fotokünstlern und Fotoamateuren auf der anderen Seite geben. Dies wird nur gelingen, wenn jeder Berufsfotograf für sich erst einmal überprüft, wie sein Erscheinungsbild, seine Qualität und seine Preisgestaltung nach außen wirken, und wie er als Berufsfotograf wahrgenommen wird.
Auch hier lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen. Die Probleme, die viele von uns quälen und die viele von uns auf die Liberalisierung der Handwerksordnung zurückführen, sind in anderen Ländern so nicht bekannt. Zum Beispiel in Großbritannien und in Amerika sowie in vielen anderen Ländern kannte man nie eine Zulassungsbeschränkung für den Beruf des Fotografen. Dort allerdings haben sich Berufsfotografen in machtvollen und mitgliederstarken Berufsorganisationen, wie in England z. B. die BIPP oder MPA, mit jeweils mehreren tausend Mitgliedern organisiert. Diese Organisationen sind auch in der Öffentlichkeit bekannt und anerkannt. Verbraucher achten dort, bei der Suche nach ihren Fotografen, gezielt auf die entsprechenden Verbandsembleme, die die Fotostudios als deren Mitglieder ausweisen. Auch wird dort ein viel größerer Wert auf Leistungsqualifikationen und entsprechende Zertifizierungen gelegt, als dies bei uns der Fall ist.
Hier in Deutschland ist dies alles nahezu unbekannt. Die Verbandsstrukturen sind zersplittert und für die Berufsfotografie inzwischen nutzlos. Nur der bff für die Fotodesigner und der neugeschaffene bpp für die Portraitfotografen bilden da eine Ausnahme. Solchen Gruppierungen kann es gelingen, wenn sie verstärkt mehr Mitglieder (qualitativ gute Fotografen) um sich scharen und die Mitgliedschaft weiterhin auch an Qualitäts-/Leistungsmerkmale koppeln, eine seriöse und erkennbare Außendarstellung für die Berufsfotografie und ihre Mitglieder in der Öffentlichkeit zu erzeugen.
Aber, das ist schwierig, denn die meisten Berufsfotografen in diesem Land sehen nicht Schwarzarbeiter, Fotoamateure oder irgendwelche Dilettanten als ihre Wettbewerber an, sondern immer nur den Kollegen um die Ecke. Außerdem sind die meisten Berufsfotografen nicht bereit, gemeinschaftliche Initiativen, Werbung, Marketing, Regeln oder Mindestpreise zu akzeptieren. Auch fehlt es in vielen Studios eklatant an klaren Strukturen, was Marketing, Angebotsvielfalt und die Qualität der eigenen Arbeiten angeht.
Es gibt Möglichkeiten, durch Seriosität, Qualität und Angebotsvielfalt die Verbraucher zu überzeugen, auch mehr Geld für eine gute Dienstleistung und Ware auszugeben – aber der Weg dorthin ist mühsam. Wahrscheinlich wird dies zukünftig nur noch den wenigsten Fotografen allein gelingen. Nur starken Berufsgemeinschaften (mit mindestens auch in Deutschland 2.000, 3.000 oder 4.000 Mitgliedern) wird es möglich sein, Einfluss auf das Verhalten der Fotografen und der Verbraucher zu nehmen und die existenziell wichtigen Dinge für den Berufsstand zu schützen.
Nur in einer starken, solidarischen, professionell organisierten Gemeinschaft wird man die fotografische Zukunft für sich, aber auch gemeinsam gestalten können. Dies bedeutet aber auch, dass niemand Angst haben muss, seine Persönlichkeit und seine kreative Individualität in einer solchen Gemeinschaft zu verlieren.
Fotografen müssen lernen zu erkennen, dass sie sich nur in einer starken Gemeinschaft zukünftig behaupten und auch wehren können. Sie müssen lernen, dass die Qualität ihrer Arbeit den Preis bestimmt, den sie dafür erhalten und dass es sinnlos ist, immer billiger zu sein, als der Kollege von nebenan.
Qualität, Seriosität, Solidarität und die Einsicht, sich als wirklicher Berufsfotograf darzustellen, wird über die Zukunft und das Überleben der Berufsfotografie entscheiden.
Aber zum Schluss doch auch an dieser Stelle etwas Positives: Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland hat sich in den letzten Monaten wieder deutlich verbessert. Die Arbeitslosenzahlen sinken, der Export wächst kräftig und alle statistischen Wirtschaftszahlen zeigen wieder deutlich nach oben ... also wird es auch wieder mehr Menschen geben, die ein Bild von sich von uns gemacht haben möchten.
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